Augenzeugenbericht zum Überfall auf die Racaille Party 2007

Augenzeugenbericht zum Überfall auf die Racaille Party 2007

Am vergangenen Samstag, den 20. Januar 2007, fand im Rahmen des einjährigen Jubiläums von Racaille Verte, einer Fangruppierung des SV Werder Bremen, eine Feier im Oskurvensaal des Weserstadions statt.
Geladene Fangruppierungen verschiedener Vereine feierten fröhlich zusammen.

Gegen 23 Uhr wurde ein eintreffender Gast, der in der Hooligan- / Naziszene verkehrt, gebeten, seine Jacke der Marke „Thor Steinar“, welche ihre Gewinne in die Strukturen der deutschen Neonazi-Szene investiert, auszuziehen. Der Gast kam dem nach.
Gegen 0 Uhr trafen fünf bis zehn weitere dem Hool- / Nazispektrum zuzuordnende bzw. diesem nahestehende Personen auf der Party ein. Es folgten mehrere Provokationen, welche in einer allgemein sehr aggressiven Grundstimmung durchgeführt wurden.
Die Personen wurden mehrfach gebeten zu gehen, die Situation verlagerte sich daraufhin nach draußen, wo es zu ersten Handgreiflichkeiten, Bedrohungen und Beleidigungen seitens der Provokateure kam. Als sich die Situation aufzulösen schien, kamen weitere ca. 15 Personen die Treppe vom Osterdeich herunter und gingen zielstrebig in den Saal hinein.

Hier eskalierte die Situation.

Die jetzt 20-25 Personen umfassende Gruppe attackierte die Gäste der Feier. Leute wurden bespuckt, geschlagen und auf dem Boden liegend getreten. Das Inventar, wie Stühle, Mülleimer etc., wurde durch den Saal geworfen und dadurch mehrere Personen verletzt.
Jugendliche wurden gezielt eingeschüchtert und flüchtende Partygäste gejagt.
Dieses Szenario zog sich ca. 10 Minuten hin, bis die Angreifer die „Feier“ verließen.
Die Polizei kam 5 Minuten nach Verschwinden der Täter.
Der gesamte Angriff inklusive der vorangegangenen Provokationen scheint länger geplant, es wurde sogar beobachtet, dass die gesamten Geschehnisse durch eine aufgestellte Kamera gefilmt wurden und eine weitere Gruppe von Nazis oben am Osterdeich Stellung bezogen hatte.
Neben Prellungen, blauen Augen und Platzwunden mußten zwei Personen ins Krankenhaus eingeliefert werden, wo sie wegen einer Gehirnerschütterung und mehreren Brüchen behandelt wurden bzw. eins der zwei Opfer operiert wurde.
Abgesehen von den Körperverletzungen, die bei diesem Überfall entstanden sind, ist die seelische Belastung durch das Erleben der Ereignisse, vor allem bei jungen Partygästen, nicht minder groß.

Rechtsextremismus in der Bremer Fanszene

Rechtsextremismus in der Bremer Fanszene aus Sicht der Anti-Diskriminierungs-AG


Mit der Gründung der Ultras-Gruppe „Cercle D'Amis“ („Freundeskreis“) im Jahre 2002 entstand die erste antirassistische bzw. antifaschistische Gruppierung, die dies nach außen hin offen formulierte und auch lebte. Dies war ein Novum in der traditionell rechtslastigen Bremer Fanszene. Sicher hatte es schon vorher Fans gegeben, die nicht mit dem damaligen „status quo“ zufrieden waren, jedoch traute sich vorher niemand, diesen Schritt zu gehen.
Das CDA wurde für die Nazis und deren Sympathisanten zu einem „perfekten Feindbild“ Neben dauerhaften Anfeindungen gab es 2004 beim Champions-League-Spiel in Valencia den ersten gewalttätigen Übergriff der Nazi-Hools auf ein Mitglied des CDA sowie eine weitere Person, die von den Nazis dem „linken Spektrum“ zugeordnet wurde.

Mit der Zeit verließen einige Mitglieder aus verschiedensten Gründen die Gruppe, während andere hinzustießen. Dieser Prozess bewirkte, dass das CDA keine reine Ultras-Gruppe mehr war, sondern tatsächlich vielmehr der Freundeskreis, welcher sich politisch im und um das Stadion gegen Rassismus und Rechtsextremismus engagierte.

Mittlerweile war auch in der großen Bremer Ultras-Gruppierung „Eastside 1997“ zu verspüren, dass manche Mitglieder unzufrieden waren mit dem latenten Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und der Homophobie innerhalb der Gruppe und in der Kurve. Zwar wurden Gesänge dieser Art in der Kurve unterbunden, allerdings waren dadurch die Einstellungen immer noch vorhanden. Die verschiedenen politischen Einstellungen führten schnell zu einer Kluft innerhalb der ES’97, was ein Grund war, warum sich die ES'97 Ende des Jahres 2005 auflöste.

Nach der Auflösung entstanden die Gruppen „Racaille Verte“ („Grünes Gesindel“), „Infamous Youth“ („Berüchtigte Jugend“) und „Rolands Erben“ neben dem schon seit 2002 bestehendem „UltrA-Team Bremen“. Das CDA verlor durch die Gruppenneugründungen einige Mitglieder, einige entschieden sich aber für eine „Doppel-Mitgliedschaft“.

Während RE sowie das UTB sich „unpolitisch“ gaben, bekannten sich IY sowie RV offen zu ihrer antirassistischen/antifaschistischen Grundeinstellung, was sie zum Feindbild für die Nazi-Hools machte.
Der offensive Umgang mit der Thematik von RV und IY hatte zur Folge, das Mitglieder im und außerhalb des Stadions von den Nazi-Hools attackiert und bedroht wurden.

Am 27. Mai 2006 trafen einige Bremer Hooligans, die vom Spiel der befreundeten Essener in Erfurt kamen, beim Umstieg in Hannover auf eine große Gruppe Antifaschisten, welche von einer Demonstration kamen. Die Nazi-Hools griffen die Gruppe sofort an, was zu Tumulten und einigen Verletzten führte. Wenige Tage später ließen die Nazi-Hools verlauten, dass sie unter den Antifaschisten einige Bremer entdeckt hätten, die auch in der Ultras-Szene in Bremen verkehren und bedrohten diese. So tauchte wenige Wochen später eine 20köpfige Hooligangruppe auf der ES'97-Abschiedsparty im Ostkurvensaal auf, um die vermeintlichen Personen ausfindig zu machen, die bei der Prügelei im Hannoveraner Hauptbahnhof dabei waren.
Innerhalb der Ultras-Szene wurde mittlerweile rassistisches und faschistisches Gedankengut nicht mehr toleriert. Ebenso wurde bei externen Personen, wenn es zu diskriminierenden Äußerungen oder sogar Handgreiflichkeiten kam, ob zuhause oder auswärts, auf Zugfahrten oder sonstwo, konsequent eingegriffen. Aus diesem Grund hielten die Drohungen und kleineren Übergriffe auf Mitglieder der IY und RV sowie Personen, die von den Nazis als „linkspolitisch“ eingestuft wurden, an.
Auch ein Mitarbeiter des Fan-Projekts wurde tätlich angegriffen, welcher daraufhin Anzeige erstatte.
Am 20. Januar 2007 fand im Ostkurvensaal die Party von RV zum einjährigen Bestehen statt. Hier erfolgte ein großer, geplanter Überfall der Nazi-Hools auf die Partygäste, unter denen sich auch Gäste anderer Vereine befanden (siehe hierzu Augenzeugenbericht sowie Pressespiegel).
Der Überfall zeigte deutlich, wie sehr den Nazis das antirassistische und antifaschistische Engagement von „Infamous Youth“ und „Racaille Verte“ ein Dorn im Auge war. Während sich aber die meisten Gruppen auch aus Angst weiterhin „unpolitisch“ gaben und nach dem Motto „Lieber die Nazis als Freunde, denn als Feinde haben“ verfuhren, ließen sich RV und IY nach anfänglicher Skepsis, den Weg weiterhin so offen zu gehen, nicht einschüchtern. Nach dem Überfall erstatteten die Betroffenen Anzeige und berichteten der Vereinsführung davon. Obwohl der Verein einen internen „Arbeitskreis gegen Rassismus“ mit verschiedenen Vertretern, u.a. Fan-Projekt, Fanbeauftragter und Polizei gegründet hatte, um akute Fälle, z.B. Nazis im Ordnungsdienst bei Heimspielen, zu behandeln, reagierten sie erst nach einem Monat und viele Presse- sowie Fernsehberichte später und kündigten Stadionverbote für die Täter an. Das Verfahren gegen die vermeintlichen Täter ist bis heute – 3 Jahre später - noch nicht abgeschlossen.

Beim Pokalspiel im August 2007 in Braunschweig gab es die nächste offensichtliche Machtdemonstration der Hooligans, die für ihre Verhältnisse zu großer Zahl angereist waren. Obwohl die Bedrohung mehr als präsent war, entschied die Polizei in Form der SKBs nach dem Spiel, die Nazis in denselben Bus Richtung Bahnhof zu stecken wie die Ultras, welche Monate zuvor von den Nazi-Hools attackiert worden waren. Nur der Protest und das besonnene Handeln der Businsassen führte dazu, dass die Nazis in einen Extra-Bus geleitet wurden. Nachdem einige Hools noch den Hitler-Gruß machten, wurden sie z.T. per Handschlag von den „SzeneKundigen Beamten“ verabschiedet.

Seit der vergangenen Saison verhält sich die Szene eher ruhig, was bedeutet, dass kaum tätliche Angriffe von ihnen ausgehen. Alltägliche Drohgebärden erfolgen jedoch weiterhin.

Mit Gründung der Anti-Diskriminierungs-AG wurde und wird versucht, ein breiteres Öffentlichkeitsbild zu schaffen und die Menschen u.a. auch für dieses schwierige Thema zu sensibilisieren.
Wir sind der Überzeugung, dass die Bedrohung durch die Nazis trotz der momentanen „Ruhephase“ nicht vorbei ist und wir uns weiterhin gegen die menschenverachtenden Weltbilder der Rechtsextremen einsetzten.

Nur gemeinsam und auf verschiedenen Ebenen ist es möglich, den Nazis Einhalt zu gebieten!

Antidiskriminierungs-AG - Werder-Fans gegen Rassismus
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