Worum Werder einen großen Bogen macht

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Erstellt am Freitag, 10. August 2007

Worum Werder einen großen Bogen macht

„Es gibt bei Werder Bremen weder Hools noch Nazis“, so lautete einst die realitätsferne Feststellung des Bremer Fanbeauftragten. Mittlerweile haben auch die Bremer Vereinsoffiziellen erkannt, was Fußballfans im ganzen Land schon lange wussten: Zu Werders Fanszene gehört seit vielen Jahren eine Gruppierung, die beide Eigenschaften in sich vereint. „Standarte“ nennt sich die Nazi-Hool-Truppe der Bremer, und diese sorgte zu Beginn des Jahres durch den Überfall auf eine Party der eigenen Ultras im Weserstadion bundesweit für Schlagzeilen. Ein konsequentes Vorgehen gegen diese rechtsradikalen Schläger hat Werder Bremen einige Wochen nach dem Überfall angekündigt. De facto ging es gegen die Opfer und Zeugen – die Täter dürfen noch immer in jedes Stadion.

Vier lange Wochen dauerte es, bis in Bremen der Angriff der Standarte auf die Einjahres-Party der Ultragruppierung „Racaille Verte“ öffentlich bekannt wurde. Erst als der Weser-Kurier in einem großen Artikel über die Attacke in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar und die Hintergründe der Standarte berichtete, war der Aufschrei groß. Werder Bremen verurteilte den Gewaltakt und kündigte Aufklärung und Anzeigen an. Doch die Aufklärung sollte sich für den Verein als schwierig erweisen: Opfer und Zeugen hielten zunächst den Mund und benannten die ihnen durchaus bekannten Täter nicht.

Nur der Tathergang wurde beschrieben: Zunächst sei einem ungebetenen Gast der Zutritt zu der Party verweigert worden. Zum einen aufgrund seiner bekannten rechtsradikalen Gesinnung, und zum anderen, weil er diese auch durch seine Thor Steinar-Jacke zur Schau stellte. Etwas später seien dann fünf bis zehn weitere Personen aus dem Nazihool-Umfeld erschienen. Ihnen habe man ebenfalls signalisiert, dass sie auf der Feier unerwünscht seien. Einige Minuten später kam die Antwort: Das Überfallkommando rollte an. 30 Personen der Standarte und aus ihrem Umfeld sammelten sich vor dem Ostkurvensaal, einige verschafften sich gewaltsam Zutritt. Bekannte Gesichter der Bremer Ultraszene und auch Gäste von anderen Vereinen – zur Feier waren Ultras aus Essen, Bochum und Babelsberg eingeladen – mussten einiges einstecken. Bevor die Polizei eintraf, waren die Täter wieder verschwunden.

Das Bremer Fanprojekt, das von Werder Bremen unabhängig ist, erstattete erst einen Monat nach dem Angriff Anzeige gegen Unbekannt wegen Hausfriedensbruch, da das Fanprojekt Mieter des Ostkurvensaals ist. Doch für die Täter fühlte man sich zunächst nicht zuständig: „Die sind doch viel zu alt und nicht mehr Zielgruppe des Fanprojekts“, lautete die Begründung. Im Verein stießen die Opfer mit der Weigerung, die Namen zu nennen, auf wenig Verständnis: Mangelnde Zivilcourage unterstellte der Verein den Bremer Ultras in einer E-Mail.

Dagegen scheint die Bremer Politik zu wissen, im welchen Umfeld sich die Täter bewegen. In einer Anfrage der Grünen in der Bremer Bürgerschaft zu dem Überfall der Standarte auf die Ultra-Party antwortete der damalige Innensenator Thomas Röwekamp auf die Frage, ob Erkenntnisse vorlägen, dass Mitglieder der Standarte Kontakte und personelle Verbindungen zur Türsteherszene oder zur Hells-Angels-Szene haben: „Polizeilich verwertbare Erkenntnisse darüber haben wir nicht. Soweit wir uns auf Erkenntnisse stützen sollen, die aus dem Landesamt für Verfassungsschutz gegebenenfalls kommen, unterliegen diese der Geheimhaltung und können in den entsprechenden Gremien natürlich beantwortet werden.“

Die Polizei weiß also nichts, weil es schon nicht mehr zu ihrem Aufgabengebiet gehört. Angesichts des Umfelds, in dem sich die mutmaßlichen Täter bewegen, mag es verständlich erscheinen, wenn die Zeugen aus der Bremer Ultraszene zunächst davor zurückschreckten, vor der Polizei auszusagen. Immerhin wurde ihnen schon bei früheren Konflikten gedroht: „Euch gehört vielleicht die Kurve, aber uns gehört die Stadt!“

Wo das Weserstadion strahlt mit neuen Banden

Werders guter Ruf stand auf dem Spiel, also setzte der Verein mehrere Zeichen. Man veröffentlichte einen Maßnahmenkatalog gegen Rassismus und Gewalt. Der beinhaltete Flyer, Videobotschaften auf der Leinwand, Antirassismus-Banden im Stadion und das Verlesen von Antirassismus-Statements vor Bundesligaspielen und den Antrag an die DFL, dass diese Statements in der Liga obligatorisch werden sollen. Auf der Homepage des Bundesligisten findet sich ein Menüpunkt zum Thema Antirassismus, unter dem er über alle aktuellen Aktionen berichtet. Eine bestimmte Maßnahme verschwieg der Verein in der langen Maßnahmeliste aber seltsamer Weise: Nach dem FC St. Pauli und Hertha BSC Berlin wurde auch in Bremen der Ordnungsdienst angewiesen, keine Thor-Steinar-Klamotten mehr im Stadion zuzulassen. Diese lobenswerte Aktion wurde zunächst geheim gehalten, weil man es nicht für imagefördernd hielt, sich beim Anti-Rassismus mit solchen „Schmuddel-Themen“ die Hände dreckig zu machen. Einige Wochen später, nach entsprechenden Nachfragen durch Fans und Fanprojekt, bekannte sich Werder dann doch auf der Vereins-Homepage zu dem Thor-Steinar-Verbot.

Das Bremer Fanprojekt seinerseits intensivierte seine Arbeit gegen Rassismus und Faschismus und bietet nun für jugendliche Fans zum Beispiel Fahrten nach Auschwitz an, zeigt Filme und veranstaltet Vorträge, in denen Überlebende aus Auschwitz über ihre schrecklichen Erfahrungen berichten, um den Nazis keinen Nachwuchs zukommen zu lassen. Auch die Täter und ihr Umfeld sind im Ostkurvensaal nicht mehr willkommen. Konsequent sprach das Fanprojekt Hausverbote für alle Mitglieder der Standarte aus.

Jedoch hat das Fanprojekt auf dem Jubiläumsempfang im Ostkurvensaal zum eigenen 25-jährigen Bestehen, der nur wenige Tage nach dem Überfall an gleicher Stelle stattfand, in Anwesenheit zahlreicher Vertreter aus Politik und Wissenschaft den Vorfall mit keiner Silbe erwähnt.

Wo man spricht die allergrößten Lügen aus?

Obwohl der Verein mit den Ultras noch nie so richtig grün war, einigte man sich auf vertrauliche Gespräche über den Vorfall. Einige Fans waren bereit, dem Präsidium und dem Fanbeauftragten den genauen Hergang und die Namen der Täter zu nennen. Alles unter der Prämisse, dass es sich um vertrauliche Gespräche handelt. Doch mit der Vertraulichkeit war es sehr schnell vorbei. In einer Pressemitteilung berichtete der Verein über die Gespräche und erklärte, dass nun fünf Täter namentlich bekannt seien. Aber bis heute hat Werder nicht ein Stadionverbot ausgesprochen!

Aber als ob eine Pressemitteilung über „vertrauliche“ Gespräche nicht ausreicht flatterten einige Tage nach den Gesprächen bei den Fans, die zu einer Aussage beim Verein bereit waren, Vorladungen der Polizei in den Briefkasten. Zunächst waren die Betroffenen verwundert, was denn die Polizei von ihnen will. Man ermittle aufgrund des Standarte-Überfalls wegen gefährlicher Körperverletzung und habe die Namen der Täter und Zeugen von Werder Bremen erhalten, teilten die Beamten mit. Soviel zum Thema „vertraulich“.

Da ist Werder Bremen – nur wer ist da zuhaus?

Konkretes Vorgehen gegen die Standarte gibt es von Vereinsseite kaum. Deren Version des Vorfalls, man sei lediglich der Aufforderung von Party-Teilnehmern zu einem „Match“ gefolgt, scheint sich sogar der Werder-Fanbeauftragte Dieter Zeiffer zu eigen zu machen, indem er in seiner Kolumne die Aktion als „richtungspolitische Auseinandersetzung“ beschreibt. Die Maßnahmen des Vereins bestehen hauptsächlich aus öffentlichen Bekenntnissen und Schuldzuweisungen und aus einer massiven weiteren Gefährdung der Opfer des Überfalls. Aber vielleicht haben sie ja auch schon für sich festgelegt, wer in der ganzen Sache eigentlich Opfer und wer Täter ist: Nach dem letzten Heimspiel der vergangenen Saison gegen Eintracht Frankfurt überfielen Frankfurter Ultras den Ostkurvensaal, da ihnen während des Spiels eine Zaunfahne geklaut wurde. Dieter Zeiffers Reaktion in Richtung Ultras: „Wegen euch wurde nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr der Ostkurvensaal überfallen.“
// Gastartikel von Mathes

Datum: 10.08.2007
Quelle: http://www.uebersteiger.de/ausgaben/84/text_4.html


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