Werder-Fans wehren sich gegen Rechtsradikale

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Erstellt am Sonntag, 09. November 2008

Fussball-Bundesliga
Werder-Fans wehren sich gegen Rechtsradikale
Von Kai Niels Bogena

Das torlose Remis zwischen Bochum und Werder geriet nach dem Abpfiff zur Nebensache. Denn Mitglieder der polizeibekannten Organisation "Nordsturm Hansestadt Bremen" wollten mit Plakaten für Aufmerksamkeit sorgen. Die Bremer Fans wehrten sich, so dass wenig später auch die Polizei eingreifen musste.

Die 20 Minuten nach dem 0:0 zwischen Werder Bremen und dem VfL Bochum waren brisanter als die 90 Minuten zuvor. Als einige Bremer Spieler vor die Kurve liefen und sich bei ihren 4000 mitgereisten Anhängern bedankten, reagierten die Fans mit lautstarken Pfiffen. Verwundert blickten sich die Spieler an und dachten zunächst, das torlose Unentschieden habe die Anhänger verärgert. Dabei galt der Unmut einer kleinen Abordnung der Gruppierung „Nordsturm Hansestadt Bremen“, die ein Transparent mit der Aufschrift „NSHB“ ausrollte.

Aufgeschreckt über die augenscheinlich politische Aussage des Banners griffen darauf die Anhänger die sechsköpfige Personengruppe zunächst verbal und dann körperlich an. Ordner aus der Hansestadt stellten sich zwischen beide Gruppen, es fielen Drohungen („Nazis raus“), gefüllte Bierbecher flogen. Als schließlich die Bochumer Polizei eintraf, die sich schon hinter der Kurve gesammelt hatte, um die Werder-Fans vom Stadiongelände zu geleiten, nahmen die Handgreiflichkeiten auf allen Seiten zu. Nach einem minutenlangen Scharmützel eskortierte die Polizei die Gruppe von „Nordsturm Hansestadt Bremen“ schließlich über den Rasen zur Stadionwache, um dort die Personalien aufzunehmen.

Bremens Manager Klaus Allofs lobte danach die Attacken der Anhänger. „Das war genau die richtige Antwort auf dieses Plakat. Ich habe großen Respekt vor unseren Fans, die es mit Zivilcourage nicht zulassen, dass Leute diese Bühne benutzen, um ihre politische Haltung zu zeigen.“ Von dem Tumult aufgeschreckt, eilte Werder-Mediendirektor Tino Polster aus dem Kabinentrakt an den Zaun und ließ sich den Vorfall von einigen Anhängern schildern. „Wir werden mit aller Härte alles dafür tun, die Namen dieser Leute zu erfahren, um sie mit einem bundesweiten Stadionverbot zu belegen. Wir werden diese Leute aus der Bremer Fankurve entfernen - egal, welche Kraft und Mühe es uns kostet“, sagte der Werder-Fanbeauftragte Dieter Zeiffer.

Bremer Fanszene politisch eher links

Schon am Montag wird diese Vorgehensweise als Tagesordnungspunkt auf der wöchentlichen Sitzung der Geschäftsführung stehen; im Anschluss soll eng mit den szenekundigen Bremer Polizeibeamten, dem Bremer Fanprojekt sowie mit betroffenen Anhängern zusammengearbeitet werden. „Wir lassen unsere Fans nicht mit Leuten im Regen stehen lassen, die sich als Nazis outen“, sagt Zeiffer.

Die Reaktion von Verein und Anhängerschaft ist auch deshalb derart konsequent, weil ein Großteil des Kerns der Bremer Fanszene seit Jahren politisch eher links einzuordnen ist. Ihr Vorbild sind die häufig linksorientierten „Ultras“ aus Italien.

„Nazis raus aus dem Stadion“-Aufkleber prangen rund ums Weserstadion, und auch das Tragen des bei vielen Skinheads beliebten Modelabels „Thor Steinar“ ist im Weserstadion verboten. Dennoch gibt es offenbar immer wieder Bemühungen von rechten Gruppierungen, diese Szene politisch zu unterwandern und Nachwuchs für die eigene Ideologie zu gewinnen.

Angst vor Vergeltung

Zwar beteuern die Verantwortlichen des Klubs, das derzeit keine politische Auseinandersetzung in der Bremer Fankurve herrscht, aber dennoch gibt es immer wieder Zwischenfälle. Im Januar 2007 stürmte eine Bremer Hooligangruppe die Party eines großen, linksgerichteten Werder Fanklubs im Ostkurvensaal des Weserstadions. Mobiliar wurde zerstört, mehrere Personen wurden krankenhausreif geschlagen.

Trotzdem wurden die Ermittlungen der Polizei von den beteiligten Fans nur schleppend oder gar nicht unterstützt. Viele der dabei Anwesenden und auch Mitarbeiter des in den Räumen ansässigen Fanprojekts wollten die Schläger nicht erkannt haben. Zu groß war ihre Angst vor Vergeltung.

Dass in Bochum die Fans ein Zeichen gesetzt haben, sorgt auch im Verband für Bewunderung. „Es entspricht den Vorstellungen von DFB und DFL, dass die Fans nicht wegschauen, wenn Wirrköpfe und Verblendete die Bühne des Fußballs missbrauchen wollen“, sagte Theo Zwanziger dem „Hamburger Abendblatt“. Der DFB-Präsident plant, den Bremer Fans für die Zivilcourage zu danken.

Datum: 9.11.2008
Quelle: http://www.welt.de/sport/fussball/artic ... ikale.html


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