Siegt die Angst im Weserstadion?

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Erstellt am Freitag, 09. Februar 2007

Siegt die Angst im Weserstadion?
Mauer des Schweigens nach brutalem Überfall rechter Hooligans auf junge Werder-Fans im Ostkurvensaal

„Die wissen doch immer, wo sie uns finden“, sagt ein jungerWerder-Fan. Die Angst vor den rechten Hooligans der „Standarte“ sitzt tief: Nach einem brutalen Überfall der Fußballschläger auf Partygäste trauen sich weder Opfer noch Zeugen, gegen die Täter auszusagen.

Von Christine Kröger

Mit siegessicheren Sprüchen und lauter Musik heizt der DJ den Fans ein, und das Bier schmeckt schon vor dem Spiel. Die Stimmung ist gut im Ostkurvensaal, noch hat Werder ja nicht gegen Schalke verloren. Vor und nach jedem Heimspiel des SV Werder feiern meist junge Fans ihren Verein

und ihre Fußballleidenschaft in dem Saal im Bauch des Weserstadions. Sein „Herzstück“ nennt das Fanprojekt den Ostkurvensaal, den Jugendliche zuweilen auch für Partys nutzen dürfen. Ein „Herz“, in dem überhaupt kein Platz ist für überzeugte Neonazis und hartgesottene Hooligans. Das betonen die Sozialarbeiter des Projektes. „Stücke von Landser braucht ihr euch hier nicht zu wünschen“, macht der DJ laut und deutlich eine klare Ansage gegen Rechtsrock. Überhaupt: „Alle Nazis können mich mal.“ Wenige Minuten später begrüßt er einen einschlägig bekannten Rechtsextremisten und vorbestraften Gewalttäter herzlich per Handschlag. Klar wisse er, wen er da vor sich habe. Aber „so ist das hier, man kennt sich halt“. Auch die rechten Hooligans der „Standarte“, die an diesem Nachmittag in den Saal kommen, „die tun doch keinem was“, behauptet der DJ. „Jedenfalls nicht hier.“

Der brutale Überfall ist an diesem Sonntag erst zwei Wochen her. Anhänger der „Standarte“ haben Jugendliche hier im Ostkurvensaal zusammengeschlagen. Fast jeder hat inzwischen davon gehört. Viele reden über die Schlägerei, die meisten nur hinter vorgehaltener Hand. Kein Opfer hat die Täter angezeigt, kein Zeuge bei der Polizei ausgesagt. Die Angst ist zu groß.

Hooligans sichern „ihr“ Revier

Ein mutmaßlicher Täter kommt heute wieder in den Ostkurvensaal. Selbstbewusst baut sich der muskelbewehrte Mittdreißiger auf, verschränkt die Arme vor der Brust und schaut in die Runde. Ein Platzhirsch vergewissert sich seines Reviers. Andreas S.* fühlt sich im Weserstadion genauso zu Hause wie auf Neonazi-Aufmärschen. Meist tritt der rechte Hooligan dort an der Seite des Neonazis und „Standarte“-Anführers Hans O.* auf. Obwohl er laut Werder Stadionverbot hat, schaut auch er an diesem Sonntag im Ostkurvensaal vorbei. Sein Bruder Heiner* ist Sänger einer rechten Bremer Hooligan-Band. Er trat jüngst in Berlin bei einer „Solidemo“ für den Sänger der Neonazi-Kultband „Landser“ auf. „Landser“ ist als kriminelle Vereinigung verboten, der Sänger sitzt derzeit unter anderem wegen Volksverhetzung hinter Gittern.

Auch Heiner O. sei bei dem Überfall im Ostkurvensaal dabei gewesen, berichten Augenzeugen. Genau wie Andreas S. habe er mehr die „Lage gesichert“, als selber zuzuschlagen. Es sei, als hätten „die Althools ihren Nachwuchs eine Prüfung ablegen lassen“, schildert ein Partygast. Meist jüngere Schläger hätten Nasenbeine gebrochen, blaue Augen verpasst und auf Opfer eingetreten, als die bereits am Boden lagen. Rund 100 Jugendliche haben an diesem Abend das einjährige Bestehen der Fangruppe „Racaille Verte“ gefeiert. Gegen die mit etwa 20 zahlenmäßig weit unterlegenen Angreifer habe sich niemand gewehrt, berichtet ein Sprecher. „Wir waren gelähmt vor Angst“, gibt er zu. Jeder in der Fanszene fürchte die „Standarte“. Von „erfahrenen Schlägern“, unter ihnen „auch Schwerkriminelle“, spricht einer, der die Hooligans seit Jahren kennt. Dass sich denen niemand entgegen stellt, findet er „mehr als verständlich und das einzig Kluge“.

Noch drei Wochen nach dem Überfall sind die Opfer nicht zu sprechen, eines musste tagelang im Krankenhaus bleiben. „Die Nazi-Hools wissen doch immer, wo sie uns finden“, erklärt ein junger Fan sein Schweigen. Nämlich bei fast jedem Spiel des SV Werder. Aber nicht nur im und rund um das Stadion fühlen die Fans sich nicht mehr sicher. Hooligans wie Andreas S. arbeiten als Türsteher auf der Bremer Diskomeile – und in dem Job kennt man sich untereinander.

Auch die Stammkneipe der „Standarte“ ("Bells" - die Besitzerin ist bei jedem Spiel Gast im OstKurvenSaal ...) liegt nahe der Meile. „Ich möchte nicht nachts auf dem Heimweg vom Stubu oder vom Tower in irgendeiner dunklen Ecke abgegriffen werden“, begründet ein anderer Zeuge seine Zurückhaltung. Er ist Anfang 20 und Student wie viele „Racaille Verte“-Anhänger.

Polizisten kommen nicht weiter

„Da kommt man nicht weiter“, sagt Edwin Olchers. Seit 1992 ist er szenekundiger Beamter für gewaltbereite Fußballfans in Bremen. Auch an diesem Sonntag hat er Dienst und beobachtet die Hooligans vor dem Ostkurvensaal. Den Eintritt verwehrt er ihnen nicht. Andere gewaltbereite Fans mit Stadionverbot dürften so kurz vor einem Heimspiel nicht einmal in die Nähe des Saals, berichten Fans. Aber für gefürchtete Schläger wie Hans O. und Andreas S. scheinen andere Regeln zu gelten. In Bremen kennt man sich eben? „Ich werde aus dem Vorfall einen Vorgang machen“, verspricht Olchers bei der ersten Anfrage. Später verweist er nur noch an die Polizeipressestelle. Deren Sprecher Dirk Siemering bestätigt, man habe in der fraglichen Nacht einen Notruf aus dem Ostkurvensaal erhalten. Mehr als 30 Beamte seien nur sechs Minuten später vor Ort gewesen. Doch die mutmaßlichen Täter waren nicht mehr da, und Opfer wie Zeugen schwiegen.

Noch nicht einmal einen Krankenwagen hätten die Polizisten rufen dürfen, sagt Siemering. Später seien Ermittler auch im Krankenhaus gewesen,ummit den Verletzten zu reden. Doch die wollten „hingefallen“ sein. Der Polizeisprecher: „Wir haben alles versucht – da redet keiner.“

Werders Geschäftsführung verweist auf die zahlreichen antirassistischen Aktionen des Vereins, die bereits seit dem vergangenen Jahr kontinuierlich laufen. So habe der Verein all seine Jugend- und Juniorenmannschaften auf den FIFA-Ehrenkodex eingeschworen. Der Kodex beinhalte neben Fairplay-Regeln antirassistische und weitere ethische Grundsätze. Seit Start der Bundesliga-Rückrunde prange zudem ein riesengroßes Banner „Werder gegen Rassismus“ in der Westkurve. In „ihrer“ Ostkurve dürfen die Fangruppen selber eine Tafel gestalten, die zum nächsten Heimspiel gegen den HSV fertig sein soll. Auch bei Stadionansagen und Videobotschaften gegen Rassismus mache der SVW „mehr als von den Fußballverbänden vorgeschrieben“. Hertha BSC Berlin hat Kleidung der bei Neonazis beliebten Marke „Thor Steinar“ aus dem Stadion verbannt. So weit sei man bei Werder noch nicht, doch laut Geschäftsführung prüft der Verein auch das derzeit als Möglichkeit für das Weserstadion.

Auslöser für den Überfall war nach Angaben von Partygästen, dass Jugendliche, die mitfeiern wollten, zuvor ihre Thor-Steinar-Jacken ausziehen sollten. „Die sind dann wieder abgezogen – etwas mehr als eine Stunde später waren die Nazi-Hools da.“

25 Stadionverbote gegen Gewalttäter

Die „Standarte“ sieht das offenbar so: „Die Säuberungen und Verbote in bezug auf Textilien, die bei Hertha BSC durch die Vereinsbonzen beschlossen wurden, wollen ihre gleichgesinnten Jugendfunktionäre in Bremen nun auch hier durchsetzen“, lässt Anführer Hans O. seit kurzem im Internetauftritt der Schlägertruppe verlauten. Nach eigenen Angaben hat Werder insgesamt 25 bundesweit geltende Stadionverbote gegen Fußballgewalttäter ausgesprochen. Wie viele davon sich gegen rechte Bremer Hooligans richten, war nicht zu erfahren. In Werders Internetforum diskutieren Fans längst seitenlang „Racaille Verte von Nazis überfallen?“. Nicht wenige äußern sich enttäuscht: Ein Zeichen gegen rechts setze man nicht nur mit einem „Banner oder Graffiti“, sondern auch mit „Stadionverboten oder dem Verbot von rechter Kleidung“.

Werder will mehr tun

Nicht erst im Fanforum, sondern gleich auf Werders Hauptseite steht „Werder intensiviert Kampf gegen Rassismus“. Demnächst sollen dort auch „Hintergründe und Termine“ abrufbar sein. Online gesetzt wurde die Nachricht mehr als zwei Wochen nach dem Überfall, aber wenige Stunden nach einer entsprechenden Medienanfrage. Auf den Überfall angesprochen verweist Werders Geschäftsführung auf das Fanprojekt, das im Ostkurvensaal das Hausrecht habe. Dort beruft man sich auf den Schutz der Fans wie auch der Mitarbeiter und will zu dem Überfall heute ausführlich Stellung nehmen. Fest stehe aber bereits, dass das Fanprojekt Anzeige wegen Hausfriedensbruchs erstatten werde. Es verspricht zudem, „einschlägig bekannte Personen“ konsequent des Saales zu verweisen.

Dass Rechtsextremisten und Hooligans bislang im Ostkurvensaal ein- und ausgehen, mochten die Mitarbeiter nicht bestätigen: „Haben Sie die tatsächlich gesehen?“ Stammgäste berichten dagegen, „ein paar von der Standarte kommen vor fast jedem Spiel“. Das Fanprojekt kümmert sich nach eigenen Angaben seit 2002 nicht mehr um den „harten Kern“ der Bremer Hooliganszene. „Das ist nicht unsere Zielgruppe, wir machen Jugendarbeit.“ 2002 hatte Hans O. das Fanprojekt des „Verrats“ bezichtigt, andere Hooligans ließen dem Vorwurf Drohungen folgen. Seither wissen auch einige Projektmitarbeiter, was es heißt, Angst vor den Schlägern zu haben.

Andreas S. jedenfalls bleibt an diesem Nachmittag im Ostkurvensaal unbehelligt. Seine Kumpel warten, bis der Platzhirsch das Revier gesichert hat. Der Saal leert sich, gleich beginnt das Spiel. Und auch an diesem Sonntag wird die Angst vor den brutalen Schlägern in der Fankurve des SV Werder wieder ihren Platz finden.

*Namen von der Redaktion geändert

Datum: 09.02.2007
Quelle: Weser-Kurier


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